Schüchtern war Bruckner nicht. Im Gegenteil: 1873, in Wien wütete die Cholera, reiste er mit seiner II. und III. Symphonie im Gepäck über Karlsbad nach Marienbad zur Kur, um das Finale der III. zu vollenden. Dort fasste er spontan den Entschluss, sein Idol Richard Wagner zu besuchen und ihn zu bitten, eines der beiden Werke als Widmungsträger anzunehmen.

Unangemeldet erschien er mittags in Bayreuth bei Wagner, der gerade mit dem Bau des Festspielhauses beschäftigt war und brachte seine Bitte vor. Wagner war unter Zeitdruck und vertröstete ihn auf 17 Uhr, dann wolle man gemeinsam speisen und er würde die Werke studieren. Wagner ließ für Bruckner ein Fässchen „Weihenstephan“-Bier besorgen. Bruckner überbrückte die Zeit mit der eigehenden Besichtigung des Rohbaus des Festspielhauses.

Im Eifer übersah er die Zeit, Wagner musste Boten losschicken. Sie fanden Bruckner mitten in der Baustelle und reinigten seinen Anzug notdürftig von Bauschutt und Staub. Somit konnten Essen und Partitur-Studium verspätet beginnen. „Trinken Sie, trinken Sie, das tut ihnen gut!“ ermunterte Wagner, während Bruckner verzweifelt, doch vergebens abzuwehren versuchte, kam er doch soeben von einer strengen Kur ohne Bier. Doch er wage es nicht, sich Wagner zu Widersetzen. „Ah da schau her, die Trompete!“ bemerkte Wagner beim Durchblättern der III. und erfüllte Bruckners Bitte, somit die III. Symphonie zur Widmung anzunehmen.

Cosima Wagner, die währenddessen für den Bildhauer Gustav Adolf Kietz zur Büste Modell saß, war Zeugin von Bruckners aufgezwungenem Bierkonsum und notierte später in ihrem Tagebuch: „Gestern war der arme Organist aus Wien bei uns.“ Die ungewohnte Menge an Bier führte dazu, dass Bruckner sich am nächsten Morgen im Hotel nicht mehr erinnern konnte, welche der beiden Symphonien Wagner ausgewählt hatte. Verzweifelt fragte er beim Frühstück den ebenfalls anwesenden Kietz, ob dieser sich an die Gespräche erinnern könne. Kietz antwortete: “Ich war leider zu beschäftigt und konzentriert, doch ich erinnere mich, dass von d- Moll und von einer Trompete die Rede war.“ Bruckner, zunächst erleichtert, wurde am Folgetag nochmals von Zweifeln geplagt und sandte eine Karte an Wagner mit der Frage: „Symfonie (sic) in Dmoll (s9c), wo die Trompete das Thema beginnt?“. Wagner antwortete kurz und bündig: “Ja, Ja! Ja! Herzlichen Gruß Richard Wagner.“

Somit entstand das berühmte „Doppelautograph“ zur III. Symphonie (Abbildung 2) Glücklich taufte Bruckner die III. mit dem Beinamen „Wagner-Symphonie“ und verfasste stolz die Widmung: „Sr. Hochwohlgeboren Herrn (sic) Richard Wagner, dem unerreichbaren, weltberühmten Meister der Dicht- und Tonkunst in tiefster Ehrfurcht gewidmet von Anton Bruckner“ (Abbildung 1). Den weiteren schmerzlichen und schwierigen Lebensweg der Wagner-Symphonie, die 1877 eine Uraufführungs-Katastrophe erlebte und erst 1890 ihren Durchbruch erreichen konnte, erfahren Sie, geschätztes Publikum, in unseren nächsten Newsletters im Frühling und Frühsommer 2026.

Das Uraufführungs-Desaster

Zuletzt waren wir in Bayreuth. Weiter führt der Weg der III., die in ihren zahlreichen Umarbeitungen und somit Fassungen wie keine andere Bruckners künstlerische Entwicklung widerspiegelt, zurück nach Wien. Zum „Uraufführungs-Desaster“, einem Tiefpunkt in Bruckners Leben.

Bruckner hat in der Zwischenzeit Beethoven-Symphonien analysiert (die Eroica und die Neunte) und danach zahlreiche gründliche Revisionen an der III. vorgenommen. Über mehrere Jahre bietet er sie erfolglos den Wiener Philharmonikern an. Diese lehnen sie jedoch wiederholt als unspielbar ab. Interventionen von Kapellmeister Herbeck und Unterrichtsminister Stremayr ermöglichen ein Konzert. Welches nach vielen Verschiebungen am 16. Dezember 1877 (Beethovens 50 Todestag, ein Omen?) stattfinden wird. Schon die Proben stehen unter schlechten Vorzeichen. Kapellmeister Herbeck stirbt unerwartet. Reichstagsabgeordneter August Göllerich interveniert ebenfalls für das Konzert, doch: Bruckner muss selbst Proben und Dirigieren. Als erfahrener und erfolgreicher Chordirigent ist er jedoch – obwohl selbst kompositorischer Symphoniker – mit der Leitung eines instrumentalen Klangkörpers, eines Symphonieorchesters nicht vertraut. Die Wiener Philharmoniker zeigen wenig guten Willen, sich mit dem von ihnen das zuvor abgelehnten Stückvertraut zu machen.

Unsicherheit und Unwille prägen die Atmosphäre der Uraufführung. Nicht unerwartet kommt es somit beim Konzert zur Katastrophe: Bruckner leitet verunsichert das heikle Werk, das von der Modernität sichtlich überforderte Publikum (von den zuvor erklungenen Programmpunkten bereits ermüdet) verlässt während des Finales vorzeitig den Saal, ja sogar einzelne Orchestermitglieder hören zu spielen, stehen auf und verlassen kühn und frühzeitig die Bühne. Zurück bleiben ein Bruckner unter Tränen, seine beiden Harmonielehre-Schüler Gustav Mahler (17 Jahre alt) und Rudolf Kryzanowsky und der junge Verleger Theodor Rättig. Trotz des Misserfolges erklärt sich Rättig bereit, das Werk zu drucken. Mahler und Kryzanowsky werden einen vierhändigen Klavierauszug anfertigen, der ebenfalls beim Verlag Doblinger & Rättig erscheinen wird. Das erste gedruckte Werk des Komponisten Mahler.

Den weiteren schmerzlichen und schwierigen Lebensweg der Wagner-Symphonie, die erst 1890 ihren Durchbruch erreichen konnte, erfahren Sie, geschätztes Publikum, in unseren nächsten Newsletters im Frühling und Frühsommer 2026. Rechtzeitig, um sich auf die St. Florianer Brucknertage im August einzustimmen.

Wir hoffen, Ihre Neugier geweckt zu haben und freuen uns auf Ihr Kommen zu den Brucknertagen 2026.

Klaus Laczika

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